Radrunde Oberpfalz: Kelheim-Kallmünz-Amberg-Neumarkt-Kelheim

Mitte Juni 2019 (Fronleichnam)

Fundamentalistischer Hokuspokus* beschert uns ein langes Wochenende. Die Tour für vier Tage ist schnell geplant: An Donau, Naab, Vils und Ludwig-Donau-Main- und Main-Donau-Kanal wird es entlang gehen, verbunden wird das Ganze durch ein paar Bahndamm-Radwege und fast verkehrs­freie Sträßchen.

Wir starten in Kelheim, hier gibt es an der Donau einen passenden Parkplatz, auf dem wir schon vom Vorabend übernachtet haben. Das Wetter ist noch durchwachsen, aber immerhin regnet es nur gelegentlich in schwachen Schauern. So wird nur die Gepäck­tasche geschützt, für Regen­bekleidung ist es uns selbst zu warm.

Auf bequemem Weg geht es in Richtung Bad Abbach, wo wir auf einer schmalen Brücke die Donau überqueren. Der folgende Donau­radweg ist stärker befahren, das ist aber kein Wunder an einem sommer­lichen Feiertag. Wir sind die Donau dort auch schon einmal entlang gepaddelt, hatten die schöne Landschaft aber gar nicht mehr so gut in Erinnerung.

Unser GPS, das uns jahrelang den Weg gewiesen hat, wurde durch eine App im Handy ersetzt. Das ist flexibler und spart Gewicht für das Gerät und die notwendigen Akkus. Da wir keine Lust haben, unterwegs Steckdosen zu suchen, wurde ein leichtes Solarpanel angeschafft, das tatsächlich auch bei bewölktem Himmel genügend Energie sammelt, um das Handy nachladen zu können. Für den Kamera-Akku haben wir eine kleine Ladeschale besorgt, so dass auch der Foto­apparat abends aus der Powerbank des Solar­panels geladen werden kann. So sind wir völlig autark, sehr schön. Zur Sicher­heit haben wir noch eine Papier­karte im Gepäck: es ist unser erster Test der Navi-App (Locus Map Pro), die sich sehr gut bewährt.

So finden wir auch recht einfach den Aufgang auf die Eisen­bahn­brücke hinüber nach Mariaort, auf der neben den Gleisen nur eine schmale Fuß­gänger­spur vorhanden ist. Der vorbei­rauschende Güter­zug macht einen ganz schönen Lärm.

Auf der anderen Donau­seite geht es steil hinunter und dann sind wir schon auf dem Naab-Radweg. Auch das Naabtal kennen wir aus der Paddler­per­spek­tive, nur fahren wir jetzt mal strom­aufwärts. In der Kloster­wirtschaft Pielen­hofen gibt es eine verdiente Rast und dann strampeln wir weiter nach Kallmünz.

Kallmünz ist ohnehin unser Lieblings­ort in der Gegend, auch wegen des herrlich gelegenen Jugend­zelt­platzes Zaar mit Blick auf die Burg. Der Platz ist erwartungs­gemäß ziemlich voll und wir plaudern noch ein Weilchen mit einem öster­reichischen Paddler-Pärchen, das gerade die Naab und danach noch Altmühl oder Regen erkunden will. Dazu können wir einige Tipps geben und bekommen dafür Tipps zu Paddel­touren in Nieder­österreich, Slowakei und Ungarn. Und das alles ohne im Boot unterwegs zu sein. Danach kommt ein anderer Nachbar, der neugierig unser selbst­genähtes Zelt begutachtet und jede Menge Fragen dazu hat.

Bis zum Abend also nette Unterhaltung. Wenn wir per Boot dort unterwegs waren, haben wir abends meist gegrillt. Diesmal haben wir im Goldenen Löwen reserviert, der zu Fuß recht weit entfernt liegt, aber per Fahrrad sind wir ganz fix dort. Leider ist mit der Reservierung etwas schief gegangen. Wäre an sich kein Problem, im Innenhof sind genügend Plätze. Die Wirtin möchte aber alle Gäste im Haus unterbringen können, wenn es anfängt zu regnen und deshalb dürfen wir ausnahms­weise im über­dachten Freisitz Platz nehmen. Es fängt dann wirklich auch ordentlich an zu gießen, die Gäste flüchten ins Haus und wir helfen schnell noch, die Sitzkissen und Tisch­decken vom Hof zu bergen.

Danach werden wir vorzüglich an unserem romantischen "Tisch für Zwei" bewirtet, das haus­gebraute Bier und das Essen sind einfach exzellent. Nach dem Essen gesellt sich eine Gruppe Radfahrer zu uns, die gerade auf dem Fünf-Flüsse-Radweg unterwegs ist und im Goldenen Löwen übernachtet. Es wird über alle möglichen Themen geredet, einig sind sich die Herren aber, dass sie die Tour keines­falls mit ihren Frauen unter­nehmen würden. Haben Susi und ich ein Glück, dass wir das gemeinsam können.

Am nächsten Morgen fahren wir das kleine Stück das Naabtal bis Kallmünz zurück und biegen ins Vilstal ab. Der Radweg entlang der Vils führt über kleine Feldwege und Neben­straßen und ist fast völlig leer. In Schmidtmühlen verlassen wir die Vils und zweigen ins Lauterachtal ab.

Allzu weit kommen wir aber in diesem Tal nicht, plötzlich hat Susi ein plattes Hinterrad. Beim Abstellen bricht gleich noch der Fahrrad­ständer an meinem Rad. Na super. Einen Ersatz­schlauch haben wir aber dabei und so ist Susi schnell wieder fahrbereit.

Jetzt noch drei Tage ohne Ersatz­schlauch zu fahren gefällt uns aber gar nicht. Locus Maps im Handy weiß auch, wo in der Umgebung Fahrrad­läden sind, der nächste soll gleich in ein paar Kilometern im Vilstal kommen. Also ändern wir unsere Route und dürfen so auf dem schönen Bahn­radweg in Richtung Amberg fahren. Den kennen wir zwar schon, fahren ihn aber gern einmal wieder.

Das Fahrrad­geschäft in Ensdorf hat auch Urlaub. Na dann bleiben wir halt auf dem Bahn­radweg und fahren nach Amberg. Bei Radsport Schillinger in Amberg bekommen wir natürlich Ersatz­schläuche und einen neuen Fahrrad­ständer, der freundlicher­weise gleich noch montiert wird.

Amberg haben wir schon bei einer Paddel­tour auf der Vils angesehen, so gibt es nur eine kurze Visite und dann geht es weiter auf den Schwepper­mann-Radweg. Auch dieser Radweg folgt einer ehemaligen Bahn­trasse, der nach Lauter­hofen. Hier hat man sich aber leider mit dem rad­freund­lichen Ausbau der Strecke nicht so viel Mühe gegeben wie an der Vils: strecken­weise sind Bahn­trasse und alte Brücken noch sichtbar, der Radweg verläuft aber daran vorbei, teilweise mit heftigen Steigungen, die die Bahn so kaum geschafft hätte. Aber alles in allem ist es trotzdem eine schöne Strecke, die sehr ruhig durch Wälder und Felder verläuft. Richtig Spaß macht die lange, rasante Abfahrt auf einer leeren Neben­straße durch das Hainthal hinunter nach Kastel.

Ursprünglich wollten wir an diesem Tag bis nach Berg bei Neumarkt kommen, das wäre aber mit dem Umweg über Amberg kein Spaß mehr. So beschließen wir, in Kastl zu übernachten. Einen Camping­platz gibt es weit und breit nicht, ohnehin ist die Gegend nicht gerade vom Tourismus überlaufen. Das liegt vielleicht auch an blockierten Verkehrs­verbindungen durch die Truppen­übungs­plätze Hohenfels und Gräfenwöhr im Süden und Nordosten. Uns soll es recht sein, wir mögen ruhige Gegenden. Die schmucke Markt­gemeinde Kastl schmiegt sich malerisch ins Lauterach­tal, darüber thront auf einem Berg die Klosterburg.

Der Gasthof Schwarzer Bär direkt am Markt­platz, in dem wir zuerst nach einem Zimmer fragen wollen, macht einen ziemlich ranzigen Eindruck. Aber im Land-gut-Hotel Forsthof bekommen wir ein schönes Zimmer. Beim Hoch­tragen des Gepäcks in den 3. Stock melden sich schon ganz schön unsere Beine. Schnell duschen, es war ein ziemlich warmer Sommertag. Dann geht's zum Essen; die reichlichen Portionen beim Griechen plus verdientes Bierchen nimmt der Körper gut an. Danach noch ein kleiner Spaziergang hinauf zum Schwimmbad auf dem Berg­sporn gegenüber des Kloster­berges. Ein steiler Aufstieg wird mit einem schönen Blick belohnt. (Wie wir bei Google Earth schon vermutet hatten, wäre dort oben auch eine passable Übernachtungs­stelle gewesen: ein inoffizieller Zelt­platz mit Wasserhahn, Strom­anschluss und Feuer­stelle und Massen von Junikäfern.)

In der Nacht kühlt es kaum ab, schon beim Frühstück ist es wieder Sommer. Aber der Fahrtwind auf dem Fahrrad macht es dann ganz erträglich. Zuerst geht es gemütlich weiter durchs Lauterach­tal. Nach Lauter­hofen folgt eine lang­gezogene Steigung über einen Sattel, dann geht es weiter durchs Tal des Sindel­bachs. In Unterölsbach wendet sich unsere Tour nach Süden und wir treffen auf den alten Ludwig-Donau-Main-Kanal. Bis Neumarkt in der Oberpfalz rollern wir nun völlig eben am Kanal entlang. Erstaunlich, welche Erdmassen man damals schon ohne Maschinen bewegt hat: strecken­weise verläuft der Kanal richtig hoch über der Landschaft. Links und rechts des Kanals auf der Dammkrone je ein breiter Weg, die Kähne wurden hier früher mit Muskel- und Pferdekraft getreidelt.

Wie Amberg hat auch Neumarkt von einer Landes­garten­schau profitiert. Im See-Café wollen wir das herauf­ziehende Gewitter abwarten, ganz nah zieht es an uns vorbei. Kurze Rundfahrt durch die historische Altstadt, dann schnell noch den Reise­proviant auffüllen. Das Neumarkt-Einkaufs­zentrum könnte auch in einer beliebigen deutschen Großstadt stehen, diese Shopping-Tempel sehen überal gleich aus und es herrscht auch der gleiche Trubel. Ich passe auf die Fahrräder auf, während Susi ein paar Äpfel jagt.

Schnell raus und wieder an den ruhigen und einsamen Kanal. Ab hier könnten wir eigentlich bretteben am Kanal entlang bis nach Kelheim radeln. Nach einigen Kilometern wird uns das aber zu langweilig. So fahren wir lieber einen Umweg über Freystadt - kann man sich ansehen, muss man aber nicht. Unterwegs setzt leichter Regen ein. Uns ist es wieder zu warm für die Regensachen. Auch leichter Regen macht auf die Dauer nass und da wir nun mal nass sind, macht uns auch der stärker werdende Regen nichts aus. Hinter Susis Rad bildet sich eine kleine Wasser­wolke. Als die Sonne wieder herauskommt, sind wir aber wieder ganz schnell getrocknet - schon praktisch, diese Funktionstextilien.

Der Radweg, den wir jetzt fahren, heißt "Tour de Baroque". Was man nicht alles für Namen erfindet. Wir stoßen auf den modernen Main-Donau-Kanal. Die Schleusen dort haben ein ganz anderes Kaliber. Eine riesige Beton­wand begrenzt die Schleuse zum Unter­wasser und die Schiffe, die auch nicht gerade klein sind, verschwinden unten in dieser Wand durch eine Öffnung, die höchstens ein Fünftel der Beton­wand hoch ist. Den eigentlichen Schleusen­vorgang kann man so von unten gar nicht sehen. Genau an der Schleuse zwingt uns der nächste Platz­regen nun doch noch in unsere Regen­sachen und ein paar hundert Meter weiter hat Susi den nächsten Platten. Schlauch­wechsel im strömenden Regen, ist ja mal was anderes. (Zu Hause stellt sich dann heraus, dass sie einen kleinen Glas­splitter duch die Gegend gefahren hat, der sich hinter­hältig im Mantel versteckte und sich bei der Kontrolle unterwegs nicht spüren ließ. Saukerl!)

Bis Beilngries kommen wir ohne weitere Hinder­nisse. Als wir durch den Ort fahren, sehen wir so viele einladende Wirt­schaften, dass wir auf dem rappel­vollen Camping­platz (Fron­leichnam) an der Altmühl gar keine Lust haben, uns die Trekking-Nahrung zu kochen, die auch schon frühere Touren überlebt hat. Schnell das Zelt aufgestellt und schon wieder ab zu einem leckeren Abend­essen. Bei der Auswahl des Zeltplatzes sind wir aber etwas wählerisch, und es kommt in der Nacht auch noch ordent­lich Wasser vom Himmel.

Der nächste Morgen zeigt sich blank­geputzt. Frühstück gibt es, auch am Sonntag frisch vom Bäcker, gemütlich auf der Bank am Markt­platz. Die Strecke dieses Tages kennen wir auch ohne Karte, dort sind wir schon mehrmals gepaddelt und auch per Fahrrad unterwegs gewesen. Wir fahren nun auf dem Altmühltal-Radweg zuerst in der Nähe der Altmühl entlang. In Dietfurt wird die Altmühl zum Main-Donau-Kanal. Das klingt aber vielleicht schlimmer als es ist, der Kanal ist schön grün einge­wachsen und die Altmühl bzw. vor ihr schon die Ur-Donau haben dort ein malerisches Tal ins Jura-Gestein geschnitten.

Kurz vor Gundlfing verlassen wir den Altmühltal-Radweg und wechseln die Ufer­seite, weil wir am etwas versteckten Badesee Sankt Agatha ein bisschen schwimmen wollen. In Rieden­burg gibt es "wie immer" ein hervorragendes Schoko-Eis. Das lockt leider auch massenhaft Biker an, die dort wie die Fliegen herumbrummen. Aber auch bei ihnen ist es wohl eher so, dass nur einzelne Selbstdarsteller das ganze "Volk" in Verruf bringen.

An der berühmten Holzbrücke "Tatzelwurm" bei Essing fahren wir diesmal nur schnöde vorbei, dort könnte man auch auf dem anderen Ufer weiter­radeln. Ganz Esslingen ist für Fron­leichnam mit Laub geschmückt. Dafür mussten einige Bäumchen jung sterben. Die Rituale zu solchen kirchlichen Feiertagen scheinen regional ganz unter­schiedlich zu sein, in Beiln­gries gab es nur ein paar Zweiglein am Kirchen­portal. Und in Dietfurt wird Chinesen­fasching gefeiert samt Kaiserkrönung.

Schon lange vor Kelheim kommt wieder die Befreiungs­halle in Sicht. Das keltische Stadttor, das zum Archäologie­park Altmühl­tal gehört, sehen wir das erste Mal. Das muss neu sein. Nach ein paar kurzen Kringeln durch die Kelheimer Altstadt haben wir unsere Radrunde vollendet. Zwar verlief die Tour ein bisschen anders als geplant und das Wetter war etwas durch­wachsen, aber so etwas ficht uns ja nun gar nicht an. Schön war sie und bestimmt nicht unsere letzte Tour durch die Oberpfalz.



* "Fundamentalistischer Hokuspokus" (Quelle: Wikipedia)

Fronleichnam: "Das Fronleichnamsfest ... ist ein Hochfest im Kirchen­jahr der katholischen Kirche, mit dem die bleibende Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie gefeiert wird."

Hokuspokus: "Eine weit verbreitete – und auch in etymologischen Lexika zu findende – Theorie sieht einen Zusammen­hang mit der heiligen Messe in der katholischen Kirche. Der Priester spricht dabei während der Wandlung im Rahmen des Einsetzungs­berichtes die Worte: Hoc est enim corpus meum, „Das ist mein Leib“. Gemeint ist der Leib Christi. Menschen, die kein Latein verstanden, hörten unter Umständen nur so etwas wie Hokuspokus.

Martin Luther: "Ich bin keinem Fest mehr feind … als diesem. ... An keinem Fest wird Gott und sein Christus mehr gelästert, denn an diesem Tage und sonderlich mit der Prozession. Denn da tut man alle Schmach dem heiligen Sakrament, dass man’s nur zum Schauspiel umträgt und eitel Abgötterei damit treibet."